Der Bade- und Erholungsort

Von der Spitze der Hafennordmole führte über eine Holzbrücke
der Weg zu einem Standcafe, auf dessen auch Sonntags eine Dreimannkapelle spielte,
mit Zylinder selbstverständlich.

Einen Bade- und Kurbetrieb gab es in Heiligenhafen schon im vorigen Jahrhundert. Abgesehen davon, daß es damals nur einer dünnen Oberschicht vorbehalten war, Badeurlaub zu machen, waren vor allem die schlechten Verkehrsverhältnisse ein Hindernis. Den Landweg zu wählen, war eine Strapaze, und auch die Anreise zur See war mit Schwierigkeiten verbunden.

Das änderte sich schlagartig, als Heiligenhafen mit der Bahn zu erreichen war. Schon als sie 1881 bis Oldenburg fuhr, beschloß man, Kurort zu werden. Der Damm zum Graswarder wurde erhöht. Man konnte jetzt trockenen Fußes von der Nordmole des Hafens zur Insel gelangen. Dort wurden Badehäuser gebaut und ein Restaurationsbetrieb errichtet. Die Nachricht, daß die Bahn bis Heiligenhafen weitergebaut werden sollte, gab dem Fremdenverkehrsgedanken einen ungeheuren Auftrieb. Die "Deutsche Badegesellschaft Heiligenhafen" wurde gegründet. Sie pachtete den gesamten Küstenstreifen vom Hohen Ufer einschließlich Eichholz über den Steinwarder bis zur Ostspitze des Graswarders von der Stadt auf 100 Jahre. Für das südliche Ufergebiet am Binnensee, Hafen und weiter nach Osten bis Strandhusen hatte sie Vorkaufsrecht. Bekannte Persönlichkeiten des kaiserlichen Deutschlands gehörten zu ihren Aktionären. Das Kurhaus (heute Parkhotel) und das Hotel "Deutsches Haus" wurden gebaut. Eine Holzbrücke verband ab 1900 den Graswarder mit dem Festland, und es entwickelte sich auf dem Warder ein reger Badebetrieb. Stege für Herren und Damen mit Kabinen zum Umkleiden führten ins flache Wasser, ein Tau im Wasser trennte die Geschlechter. Da eine Brunnenbohrung auf der Insel keinen Erfolg hatte, wurde eine Wasserleitung von der Stadt gelegt, um das Vieh zu versorgen und die Insel als Bauland zu erschließen. Privatleute ergriffen das günstige Angebot und bauten die ersten Wardervillen. In der Zeit entstand im Osten das Kurhaus Warteburg (heute Altenheim) mit 60 Betten und einem Badebetrieb an der Ostspitze des Graswarders.

Ganze 1200 Gäste zählte man 1913, doch dann erlahmte der Schwung der Gesellschaft. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges hatte sie praktisch aufgehört zu existieren. Grundstück um Grundstück mußte verkauft werden. Schwierig war es für die Stadt, aus dem Pachtvertrag herauszukommen, der sämtliche Planungen blockierte. Es gelang ihr erst 1919.

Nach dem 1. Weltkrieg verlagerte sich der Badebetrieb zunehmend auf den Steinwarder, hauptsächlich den westlichen Teil. Der Badestrand auf dem Warder reichte nicht mehr aus und war auch zu steinig. 30 Badekabinen zum Umkleiden an der Düne waren das Wichtigste. Wenige Strandkörbe und Liegestühle kamen hinzu. Etwas weiter oben, 1913 erbaut, stand eine Erfrischungshalle. Erreichbar war das Bad zu Fuß über die kleine Brücke bei den Watten oder über eine private Bootsverbindung, die von einem Steg zum Steinwarder führte. Als die Stadt den Fährverkehr übernahm, wurde eine zweite Anlegestelle an der Brückstraße geschaffen und eine Lesehalle auf dem Steinwarder errichtet, in deren Untergeschoß man auch warme Seebäder nehmen konnte. Auf den nördlich davon liegenden Strandteil verlagerte sich allmählich der Hauptbadebetrieb (heute DLRG-Hauptwache). Umkleidekabinen waren nicht mehr gefragt. Man schaufelte sich eine Burg, und wer es sich leisten konnte, mietete sich einen Strandkorb. Wichtig war eine Fahne in der Burg, die hatte fast Jeder. Die Burgwälle wurden meistens künstlerisch gestaltet, was die Kurverwaltung durch Burgenwettbewerbe auch förderte.

Unterhalb des Kurhauses baute der Besitzer Dannenberg 1927 einen Kursaal. Er wurde das Herzstück des damaligen Kurbetriebes. Eine Saisonkapelle spielte dort täglich zum Tanz. Doch nach dem 2. Weltkrieg genügte er nicht mehr den Anforderungen. Er wurde an die dänische Geräteherstellerfirma Transcodan verkauft. Als diese ihren Betrieb nach Lensahn verlagerte, wurde er abgerissen und durch einen Appartementbau ersetzt.

Infolge der Wirtschaftsregression gingen Anfang der dreißiger Jahre die Gästezahlen zurück. Einen Aufschwung sollten im"Dritten Reich" die KDF-Transporte bringen. Sonderzüge mit etwa 800 Gästen kamen jede Woche an, die auf dem Wilhelmsplatz in einem Zelt auf die Quartiere verteilt wurden.

Nach dem Kriege - Heiligenhafens Bevölkerung war durch den Flüchtlingsstrom von 3500 auf 10 000 Einwohner angewachsen - versuchte man schnellstens den Fremdenverkehr als Wirtschaftsfaktor wieder zum Leben zu erwecken. Die wenigen Pensionen waren größtenteils durch Flüchtlinge besetzt. Viele Einwohner verlegten während der Sommermonate ihre Behausung auf den Boden oder in den Keller und boten ihre Wohnräume als Fremdenzimmer an. 2 DM pro Bett mit Frühstück. Die städtischen Binnenseefähren wurden wieder in Betrieb genommen. Als eines der ersten Hotels entstand östlich der alten Lesehalle das Dünenhotel auf den Fundamenten eines vor dem Krieg geplanten Kinderheims. Prominentester Gast in dem kleinen strohgedeckten Haus daneben - es steht heute noch - war der Schriftsteller Gottfried Benn im August 1953. Sein Bericht auf einer Ansichtskarte: "Schöner könnte es auch in Westerland nicht sein."

Gegen Ende der sechziger Jahre änderte sich das Kurgastverhalten. Live-Tanzmusik in einem Kursaal war nicht mehr "in". Beliebter wurden die Diskotheken. Im Unterkunftsgeschmack ging der Trend zum Appartement. Der Unternehmer Engelhardt bot der Stadt an, ein Ferienzentrum zu erstellen, verbunden mit einer großzügigen Landschaftsplanung. Ein Damm mit einem überbrückten Durchlaß verband ab 1970 die Warder mit der Stadt und machte die Badefähren überflüssig. Im Westen des Binnensees entstand ein Hochhauskomplex, der 8000 Gästen Unterkunft bot. Der Binnensee rückte in den Mittelpunkt des Fremdenverkehrs. Abgesehen davon, daß Surfer und Segelboote einer Segelschule ihn belebten, verband er Ferienzentrum und Strand einerseits mit den Häfen und der Stadt andererseits. Den neugestalteten Hafenvorplatz könnte man als Drehscheibe ansehen.